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    neues Therapieangebot - Ohrakupunktur

    Sie kennen vielleicht den gar nicht so seltenen Wunsch von Patienten mit Abhängigkeitserkrankungen: „Geht das nicht auch mit Hypnose?“ Dann reagieren wir meist doch eher kritisch, vor allem weil hier die Eigeninitiative der Betroffenen fehlt. Es klingt eben einfach zu sehr nach „Sucht wegzaubern“. Darum ging es bei der „Erfindung“ der Ohrakupunktur bei Drogenabhängigen im Lincoln Hospital, Bronx/New York, in den 1980er Jahren gerade nicht. Die Entwicklung der Methode war vor allem eine Antwort auf die damalige Unterversorgung chronisch Stoffabhängiger in den USA. Im Original-Konzept wird die Akupunktur in der Gruppe angewandt. Neben der Ableitung der „klassischen Punkte“ am Ohr aus der Theorie der traditionellen chinesischen Medizin (TCM) war natürlich von Anfang an eine nicht zu unterschätzende Setting- und Beziehungskomponente integriert, die methodisch auch gar nicht von der eigentlichen Nadelanwendung zu trennen ist. Weltweit am häufigsten eingesetzt wird die Ohrakupunktur nach dem Protokoll der National Acupuncture Detoxification Association (NADA). An drei bis fünf definierten Punkten der beiden Ohrmuscheln wird eine Nadelstimulation von ca. 45 Minuten Dauer in regelmäßigen Intervallen (anfangs täglich) vorgenommen. Alternativ steht das Aufkleben von kleinen Kügelchen mit Pflastern auf die Akupunkturpunkte zur Verfügung (Akupressur).Die Punkte sind aus der aurikularen Erweiterung der TCM abgeleitet und können in Grenzen der vorherrschenden Symptomatik angepasst werden (1). Die Pioniere des Verfahrens waren begeistert und publizierten sehr positive Ergebnisse (2). Mit zunehmender wissenschaftlicher Evaluation werden die beobachteten Effekte wie Reduktion von Stress und Suchtmittelkonsum heute realistischer gesehen. Einig sind sich die Experten weltweit, dass Akupunktur als alleinige Therapie weder bei der Entgiftung, noch bei der Entwöhnung von suchterzeugenden Substanzen ausreichend wirksam ist (3). Die additive Anwendung der Akupunktur bringt, soweit dies wegen der überschaubaren Zahl guter Studien mit größeren Fallzahlen gesagt werden kann, positive Effekte (4). Als adjuvante Methode wird das NADA-Protokoll bei Einbettung in ein Gesamtkonzept als nebenwirkungsarm, kosteneffektiv und von den Patienten akzeptiert empfohlen (5, 6). Die aktuelle S3-Leitlinie “Screening, Diagnose und Behandlung alkoholbezogener Störungen” sieht bei gegebenen Hinweisen auf die Wirksamkeit noch Forschungsbedarf, insbesondere hinsichtlich der möglichen Zielgruppen (7).

    Zwei Mitarbeiterinnen der Fachklinik haben aktuell die NADA-Ausbildungzertifiziert abgeschlossen, weitere werden folgen. Wir werden nun im ersten stationären Behandlungsdrittel die Entwöhnungsbehandlung mit Ohrakupunktur unterstützen, wenn Patienten dies wünschen. Auch bei Suchtdruck im Verlauf bieten wir die Methode an. Natürlich werden die Patienten vorher über mögliche Risiken und Nebenwirkungen aufgeklärt und wir achten auf die Kontraindikation. Vermeidungsverhalten den bewährten psychotherapeutischen Ansätzen gegenüber werden wir dabei nicht unterstützen. Also kein „Wegzaubern“, kein „Floh ins Ohr“ sondern dorthin ein paar Nadeln als eine besondere Form von Achtsamkeit.

     

    Mit freundlichen Grüßen

    Prof. Dr. med. Reinhart Schüppel

    -Chefarzt-

     

    (1) NADA (2017) www.nada-akupunktur.de

    (2) Smith MO, Squires R, Aponte J, Rabinowitz N, Bonilla-Rodriguez R (1982) Acupuncture treatment of drug & alcohol abuse: 8 years’ experience emphasizing tonification rather than sedation. Am J Acup 10: 161–163

    (3) Ahlberg R, Skarberg K, Brus O, Kjellin L (2016) Auricular acupuncture for substance use: a randomized controlled trial of effects on anxiety, sleep, drug use and use of addiction treatment services. Subst Abuse Treat Prev Pol 11: 24

    (4) Shin NY, Lim YJ, Yang CH, Kim C (2017) Acupuncture for Alcohol Use Disorder: A Meta-Analysis. Evid Based Complement Alternat Med. http://dx.doi.org/10.1155/2017/7823278

    5) Baker TE, Chang G (2016) The use of auricular acupuncture in opioid use disorder: A systematic literature review. Am J Addict 25: 592-602

    (6) Stuyt EB, Voyles CA (2016) The National Acupuncture Detoxification Association protocol, auricular acupuncture to support patients with substance abuse and behavioral health disorders: current perspectives. Subst Abuse Rehab 7: 169–180

    (7) AWMF, DGPPN, DG-Sucht (Hrsg.) (2016) S3-Leitlinie “Screening, Diagnose und Behandlung alkoholbezogener Störungen” AWMF-Register Nr. 076-001