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    „Wieviel Alkohol ist „gesund“?“

    Eine Alkoholabhängigkeit kostet die Betroffenen im Durchschnitt 20-25 Lebensjahre. Das ist bitter und da hat man dann schon eine sehr große Menge Alkohol konsumiert (1).

    Vielleicht werden aber auch Sie manchmal gefragt: „Du bist doch Suchtexperte, ist denn nicht Alkohol auch gesund, also in kleineren Mengen?“ Wie sich “normaler” Alkoholkonsum auswirkt, dazu gibt es eine bewegte Forschungsgeschichte. So fand man z. B. das sogenannte „französische Paradox“ (2). In diesem Land konsumierten die Menschen mehr Fett und Alkohol als anderswo, lebten aber länger als Abstinenzler, jedenfalls bei maßvollem Alkoholkonsum. Ich kann mich noch gut an die Anfangszeit der „Alkohol-Euphorie“ in einigen kardiologischen Reha-Kliniken erinnern, in denen es dann einen „Rotweinabend“ gab. Aber die Studien wurden präziser in ihren Aussagen. Als erstes verlor der Rotwein seine privilegierte Stellung, Weißwein war genauso gut „wirksam“, das Risiko für einen Herzinfarkt zu senken. Und schließlich stellte sich heraus, Bier tut‘s auch, Schnaps dagegen nicht (3). Auch bei anderen Erkrankungen, z. B. der Alzheimer-Demenz, konnten man einen „schützenden“ Effekt geringer Alkoholmengen zeigen (4). 

    Die nächste Erkenntnis war, dass die Gruppe der Nicht-Konsumenten aus zwei Untergruppen besteht: Immer Abstinente und ehemalige Abhängige. In vielen Studien wurde da früher nicht unterschieden und beide Gruppen wurden einfach zusammengefasst. Da aber Ex-Abhängige oft durch bereits eingetretene Schäden eine geringere Lebenserwartung haben, hat diese Gruppe die „Enthaltsamen insgesamt“ bezüglich der Gesundheitsdaten „runtergezogen“ und dementsprechend schnitten die moderaten Alkoholkonsumenten einfach „zu gut“ ab (5).

    Aber dann wurde zunehmend klar, es gibt Bereiche, da wird jeder Tropfen Alkohol schon zum Problem, dazu gehört das Thema Krebs. Hier gibt es nämlich keinen Schutz geringer Mengen Alkohol, ganz im Gegenteil (6). Jetzt haben Forscher weltweit die Daten aus Studien mit insgesamt fast 600.000 Patienten zusammengetragen. Das konnten Sie auch in der Tagespresse lesen (7). Ab dem regelmäßigen Konsum von 100g Alkohol/Woche steigt die Sterblichkeit für alle Todesarten zusammen deutlich an (100g Alkohol sind fünf halbe Liter Bier oder fünf Viertelliter Wein). Die Häufigkeit von Herzkreislaufkrankheiten allein, da sind die Daten robust, sinkt dagegen bei mäßigem Konsum zunächst mal und geht erst ab 200g/Woche in die Höhe.

    Was können wir lernen? Eine wirklich „gesunde“ Menge Alkohol gibt es nicht, auch nicht für Gesunde. Die Empfehlungen für einen risikoarmen Konsum werden von der täglichen Menge her übrigens seit Jahren ständig nach unten korrigiert. Der aktuelle und gut belegte Stand des Wissens ist: Mit einer Menge von bis zu 100g/Woche (verteilt auf möglichst viele Tage) liegen die meisten Menschen in einem risikoarmen Bereich. Im Zusammenhang mit individuellen Vorbelastungen (z. B. Krebserkrankung in der Familie) kann die Dosis aber auch (deutlich) darunter liegen. Maßvoll heißt damit sicher nicht „Maß voll“.


    Mit freundlichen Grüßen

    Prof. Dr. med. Reinhart Schüppel
    -Chefarzt-



    Literatur
    (1) John U. et al. (2013) Excess mortality of alcohol-dependent individuals after 14 years and mortality predictors based on treatment participation and severity of alcohol dependence. Alcohol Clin Exp Res 37: 156-163.
    (2) Mukamal K. et al. (2003) Roles of drinking pattern and type of alcohol consumed
    in coronary heart disease in men. N Engl J Med 348: 109-118.
    (3) Chiva-Blanch G. et al. (2013) Effects of wine, alcohol and polyphenols on cardiovascular disease risk factors: evidences from human studies.Alcohol Alcohol 48: 270-277.
    (4) Xu G. et al. (2009) Alcohol consumption and transition of mild cognitive
    impairment to dementia. Psychiatry Clin Neurosci 63: 43-49.
    (5) Stockwell T. (2016) Do "Moderate" Drinkers Have Reduced Mortality
    Risk? A Systematic Review and Meta-Analysis of Alcohol Consumption and All-Cause Mortality. J Stud Alcohol Drugs77: 185-198.
    (6) Bagnardi V. et al. (2015) Alcohol consumption and site-specific cancer risk: a comprehensive dose-response meta-analysis. Br J Cancer 112: 580-593.
    (7) Wood A. et al. (2018) Risk thresholds for alcohol consumption: combined analysis of individual participant data for 599 912 current drinkers in 83 prospective studies. Lancet 391: 1513-1523.