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    Prof. Dr. med. Reinhart Schüppel zur Vorweihnachtszeit

    Sehr geehrte Damen und Herren,

    Gehören Sie auch zu den Menschen, die sich darüber wundern, vielleicht sogar ärgern, dass es jedes Jahr pünktlich zum Ende der Sommerferien Spekulatius und Zimtsterne in den Supermärkten zu kaufen gibt? Andererseits, würde das alles angeboten werden, wenn sich niemand dafür interessiert? Bei den Lebkuchen ist der September sogar der umsatzstärkste Monat im Jahr. Die Kunden scheinen geradezu „ausgehungert“ nach diesem Gebäck (1). Oder sollten wir besser sagen: Sie haben Entzugserscheinungen?

    Tatsächlich gibt es Hinweise, dass Menschen, die mit dem Alkohol aufgehört haben, mehr zu Süßigkeiten neigen (2). Auch eine eigenständige „Nahrungsmittelabhängigkeit“ wird immer wieder diskutiert, dabei geht es vorrangig um die Kombination „süß und fett“ (3). Ist Schokolade also das neue Suchtmittel? Nun, neu ist sie auf keinen Fall, schon die Azteken tranken eine modern anmutende Mischung aus Wasser, Kakao, Vanille und Pfeffer. Wahrscheinlich hat das übermäßige Verlangen nach Zuckerhaltigem sowohl mit einem fehlgeleiteten Stoffwechsel als auch mit suchtähnlichem Verhalten zu tun (4).

    Damit haben wir schon die Überleitung zu den tatsächlichen Verhaltenssüchten gefunden. Was passt gut zu Weihnachten? Kaufsucht! Deren „Kick“ ist gar nicht so sehr das Besitzen der vielen Gegenstände, sondern die gedankliche Beschäftigung vor dem Kauf und der „Rausch“ während des Shoppens. Spielen geht natürlich immer, ob im Kasino, in der Automatenhalle oder online (5). In der Johannesbad Fachklinik Furth im Wald werden wir uns unter Leitung von Herrn Oberarzt Dr. Goblirsch noch mehr als bisher um das Thema „Verhaltenssüchte“ kümmern.

    Ihr Prof. Dr. med. Reinhart Schüppel

     

    Literatur

    (1) www.badische-zeitung.de/wirtschaft-3/september-ist-fuer-lebkuchen-umsatzstaerkster-monat--141378886.html (2017)

    (2) Stickel A et al. (2016) Changes in Nutrition-Related Behaviors in Alcohol-Dependent Patients After Outpatient Detoxification: The Role of Chocolate. Subst Use Misuse 51: 545

    (3) Mies G (2017) The prevalence of food addiction in a large sample of adolescents and its association with addictive substances. Appetite 118: 97

    (4) Peters A et al. (2017) Uncertainty and stress: Why it causes diseases and how it is mastered by the brain. Prog Neurobiol 156: 164

    (5) Scholz H (2010) Spielsucht und Kaufsucht. Die zunehmende Problematik nichtstoffgebundener Abhängigkeiten. Psychopraxis 13: 8