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    71. Further Fortbildungstag am 8. Mai: Ein Rückblick

     

    Berufliche Rehabilitation - was können wir für den Einzelnen tun?

    Digitalisierung, Arbeitsverdichtung, Stress und zwischenmenschliche Konflikte beeinflussen unsere Arbeitsbedingungen und das Leben der Menschen spürbar.

    Ein Drittel der Menschen mit psychischen Störungen weist auch Suchterkrankungen auf, ein Drittel der Menschen mit einer Alkoholabhängigkeit hat auch psychische Probleme. Der Anteil erwerbsloser Menschen in der ambulanten Suchtkrankenhilfe liegt bei Alkoholabhängigen bei 31,6% und bei Menschen in der stationären Suchtkrankenhilfe bei 45,9% (Deutsche Suchthilfestatistik, Jahresbericht 2018).

    Im Zuge einer stationären Rehabilitation wird deshalb versucht, eine frühzeitige berufliche Orientierung und die Einleitung notwendiger Schritte für eine Rückkehr in ein Beschäftigungsverhältnis einzuleiten. Denn eine erfolgreiche Wiedereingliederung von Menschen mit Abhängigkeitserkrankungen kann den Rehabilitationserfolg langfristig sichern und die soziale Lebenssituation stabilisieren.

     

    Anlässlich des 71. Further Fortbildungstages stellten mehrere Experten dem aus ganz Bayern angereisten Fachpublikum verschiedene Lösungsansätze vor und sensibilisierten für den einzelnen Menschen und seine individuellen Bedürfnisse.

     

    Prof. Dr. Heino Stöver vom Institut für Suchtforschung der Frankfurt University of Applied Sciences informierte über die Auswirkungen der sich verändernden Arbeitswelt auf den Menschen und den damit einhergehenden steigenden Konsum psychoaktiver Substanzen zur Leistungssteigerung. Psychische Störungen seien mittlerweile der zweithäufigste Grund für die Fehlzeiten deutscher Arbeitnehmer. Ein Umdenken sei erforderlich: Gewerkschaften und Betriebe müssten Menschen zielgruppengerechte Lösungsansätze zum Umgang mit der Arbeitsverdichtung bieten. Die Work-Life-Balance-Thematik einer gehobenen Mittelschicht ginge an vielen Bevölkerungsgruppen komplett vorbei. Eine Neuaufstellung der Drogenpolitik sei ebenso dringend gefragt: Bei den Verboten für Tabakwerbung z.B. sei Deutschland das Schlusslicht der EU. Eine Flasche hochprozentiger Alkohol ist für jedermann für knapp 4 Euro zu erwerben. Hier gäbe es dringend Handlungsbedarf.

     

    Prof. Dr. Reinhart Schüppel, Chefarzt der Johannesbad Fachklinik, zeigte auf, welch großen Anteil die eigene Wahrnehmung und Bewertung für das Empfinden von Stress am Arbeitsplatz spiele. Tatsächlich haben wir nämlich nie weniger gearbeitet als heute. Wer Stress per se als negativ empfände, werde auch schneller davon krank. Er legte dar, dass der offenere Umgang mit und die Behandlung von psychischen Störungen nicht unmittelbar auf einen Anstieg dieser zurückzuführen sei.

     

    Alle Vortragenden waren sich einig, dass Arbeit eine wichtige Teilhabe am gesellschaftlichen Leben darstellt und grundsätzlich einen großen Beitrag zur psychischen Gesundheit leistet. Viele Menschen können und wollen nach ihrer Therapie wieder an den alten Arbeitsplatz zurück und erhalten dabei oft Unterstützung vom Arbeitnehmer. Das ist der Idealfall.

     

    Dass Menschen in eine Langzeitarbeitslosigkeit fallen, habe mehr mit einer begleitenden psychischen Störung zu tun als mit der Abhängigkeitserkrankung an sich, betonte Prof. Dr. Schüppel. Hier müsse man die Einzelsituation analysieren und in Zusammenarbeit mit den verschiedenen Partnern neue Möglichkeiten aufzeigen.

     

    Über eine neue Empfehlung der Deutschen Rentenversicherung zur Verbesserung der Versorgung Arbeitssuchender mit Abhängigkeitserkrankungen und der regelhaften Zusammenarbeit mit den Jobcentern und Arbeitsämtern sprach Dipl-Psych. Gerhard Eckstein von der Deutschen Rentenversicherung Schwaben.

    Konkrete Hilfsmaßnahmen stellten anschließend Johann Liegl vom Jobcenter Cham und Bernhard Lang von der Agentur für Arbeit in Schwandorf vor.

     

    Abgerundet wurde die Veranstaltung durch die Vorstellung eines Projektes, das ANTHOJO, ein Träger mehrerer sozialer Einrichtungen in Oberbayern, in Kooperation mit dem Beruflichen Fortbildungszentrum der Bayerischen Wirtschaft Rosenheim (bfz), durchführt. Durch kreative Ansätze der Ergo- und Arbeitstherapie wird bei diesem Projekt versucht, arbeitslose Menschen wieder adäquat in den Arbeitsmarkt zu integrieren.

     

    Von links: Peter Rehermann, Gerhard Eckstein, Johann Liegl, Bernhard Lang, Chantalle Mauras, Prof. Dr. Heino Stöver, Marion Schädler, Prof. Dr. Reinhart Schüppel, Melanie Ohlenberg

     

    Die Vorträge einzelner Referenten stehen Ihnen hier zum Download zur Verfügung.