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    Cannabis: Droge − Medikament − oder beides?

    Die Hanfpflanze dient dem Menschen seit Tausenden von Jahren als Rohstoff, Rausch- und Heilmittel. Erstmals durch Verbote reguliert wurde ihr Konsum in vielen Ländern in den 1920er Jahren. Heute spaltet die Legalisierung von Cannabis sowie die medizinische Nutzung der Pflanze nicht nur die Bevölkerung. Auch in Fachkreisen wird vielschichtig diskutiert.

    Deshalb machte die Johannesbad Fachklinik Furth im Wald die medizinische Nutzung von Cannabinoiden zum Thema ihres 72. Further Fortbildungstages, zu dem 250 Fachbesucher, darunter Psychologen und Sozialpädagogen aus den Suchtberatungsstellen, Ärzte, Suchtberater aus Unternehmen und Kollegen aus anderen Kliniken, angereist waren.

    Seit dem Inkrafttreten des Gesetzes „Cannabis als Medizin“ im März 2017 können Ärzte Cannabinoide in verschiedenen Formen als Arzneimittel verschreiben. Grundsätzlich kann bei allen Erkrankungen ein Einsatz von Cannabinoiden erfolgen, wenn zum einen eine schwerwiegende Erkrankung vorliegt, zum anderen allgemein anerkannte, dem medizinischen Standard entsprechende Therapien keinen Erfolg hatten oder nicht angewendet werden können und es außerdem eine „nicht ganz entfernt liegende Aussicht“ gibt, dass die Cannabinoide auf den Krankheitsverlauf oder schwerwiegende Krankheitssymptome „spürbar positiv einwirken“. Eine Krankheit gilt dann als schwerwiegend, wenn sie lebensbedrohlich ist oder sie auf Dauer die Lebensqualität schwer beeinträchtigt.

    Prof. Dr. Ludwig Kraus, Leiter des Instituts für Therapieforschung München, gab einen detaillierten Überblick zum Wissensstand der Cannabisforschung. Im privaten Bereich nehme der Konsum weltweit zu und sei in Europa mittlerweile ein Alltagsphänomen. In Deutschland haben in 2017 rund 3,7 Millionen Menschen Cannabis konsumiert. Rund 9% davon entwickeln statistisch gesehen eine Sucht. Er warnte vor der immensen Potenzsteigerung der Cannabispflanzen in den letzten 10 Jahren. Besonders bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen könne ein regelmäßiger Konsum der hochgezüchteten Pflanzen mit ihren psychotropen Eigenschaften schwerwiegende Schäden wie Angststörungen und Depressionen hinterlassen. Für die medizinische Nutzung gäbe es noch keine evidenzbasierten Studien, die die Wirksamkeit von Cannabis belegen würden. Andere Studien würden nur vereinzelt Erfolge, meist eine schwache bis mittelmäßige Wirkung für einzelne Erkrankungen „belegen“.

    Dr. med. Thorsten Opitz vom Medizinischen Dienst der Krankenversicherung in Bayern erklärte an mehreren Beispielen die Anwendung des Gesetzes in der Praxis. Ein Missbrauch des Gesetzes sei ihm zufolge nicht einfach umzusetzen. Ärzte müssten genau begründen, weshalb sie das Medikament verschreiben und auch die Darreichungsform begründen. Medizinisches Cannabis in Blütenform, also das, was man als Joint rauchen kann, sei mit Abstand die teuerste Darreichungsform. Bei einer missbräuchlichen Verschreibung könne auch der verschreibende Arzt belangt werden.

    Einblicke in seine Praxis am Zentrum für interdisziplinäre Schmerzmedizin an der Universitätsklinik Regensburg gewährte Oberarzt Dr. med. Christoph Lassen. Er sieht den Erfolg einer Schmerztherapie bei chronischen Nicht-Tumorschmerzen neben der schmerzärztlichen Behandlung vor allem in schmerzpsychologischen und physiotherapeutischen Verfahren. Bei chronischen Schmerzpatienten sollte im ersten Schritt eine Änderung der Lebensgewohnheiten erfolgen. Auch wenn es einzelne Fälle gäbe, in denen er mit Cannabinoiden Menschen helfen konnte, sieht er hinter Cannabis als Medikament einen fragwürdigen Hype und warnte vor den noch nicht absehbaren Spätfolgen. Er habe bereits in der Praxis erlebt, dass ein Medikament mit Cannabinoiden nach einigen Monaten seine Wirkung verlor. Die Dosierung müsste gesteigert werden. Wir wüssten heute aber noch nicht, welche Folgen eine tägliche Darreichung auch in kleinen Dosen für die Betroffenen haben können. Er verwies auf die Opioidkrise in den USA, die Folge eines nicht regulierten Umgangs mit suchterzeugenden Medikamenten sei.

    Hier schloss sich Prof. Dr. Reinhart Schüppel, Chefarzt der Johannesbad Fachklinik Furth im Wald, an. Er betonte, dass Cannabis im Vergleich nur ein mittelhohes Suchtrisiko habe, trotzdem nicht in seinen negativen Auswirkungen unterschätzt werden dürfe. Auch er betonte die Risiken für junge Erwachsene, deren Gehirn noch nicht vollständig entwickelt sei. Cannabis könne hier irreparable Schäden verursachen. Er verwies zudem auf die steigenden Aktienkurse der Hersteller von Cannabis-Produkten, die sich mit hohem Aufwand Marktzugang erarbeiten würden.

    Erster Polizeihauptkommissar Günter Hammer vom Polizeipräsidium Oberpfalz berichtete abschließend, dass die Polizei mittlerweile Erfahrungen mit Personen gesammelt hat, die medizinisch verordnetes Cannabis einnehmen. Er riet, eine Kopie der Verordnung dabei zu haben, wenn ein Fahrzeug geführt wird. Er wies aber darauf hin, dass damit nur das Betäubungsmittelrecht eingehalten werde. Auffälliges Verhalten im Straßenverkehr würde auf anderer Grundlage trotzdem zu rechtlichen Konsequenzen führen. Und da die Verordnung von medizinischem Cannabis ja eine schwerwiegende Krankheit voraussetze, erfolge nach einer Kontrolle dazu auch eine Meldung an die Führerscheinstelle.

    In den Pausen und im Anschluss wurde rege weiterdiskutiert und die Besucher zeigten sich sehr zufrieden mit dem Wissen, dass sie aus Furth im Wald mitnehmen konnten.

    Die Vorträge einzelner Referenten stehen Ihnen hier zum Download zur Verfügung.