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    Neues aus der Diagnostik

    Sehr geehrte Damen und Herren,

    Zu den ganz erstaunlichen Tatsachen unseres Fachgebietes gehört, dass auch im Jahr 2016 alle modernen Errungenschaften der Diagnostik wie Bluttests oder bildgebende Verfahren bei Suchterkrankungen nur die Begleitmusik“ spielen. Sie dienen der Erfassung von aktuellem oder chronischem Konsum bzw. dessen körperlichen Folgeerscheinungen.
    Die Diagnose einer Abhängigkeitserkrankung selbst wird nach wie vor durch das Herausarbeiten der spezifischen Symptomatik in einem Gespräch gestellt.
    Mittlerweile gibt es die ersten Erfahrungen mit dem im letzten Jahr veröffentlichten DSM-5 der American Psychiatric Association. Auch wenn es durchaus beeindruckend ist, wie durch Hinzunahme von Symptomen offensichtlich die Genauigkeit der Erhebung soweit gesteigert werden konnte, dass man Schweregrade differenzieren kann, im Kern ist doch eines geblieben: die Diagnose eines „süchtigen Syndroms“. Dieses beinhaltet ein starkes, nahezu unbezwingbares Verlangen nach einer suchterzeugenden Substanz bzw. einem Verhalten, Toleranzentwicklung und Kontrollverlust und schließlich die typischen Entzugs- bzw. Folgeerscheinungen (1).
    Am Horizont zeichnet sich mittlerweile auch schon das neue ICD-11 der Weltgesundheitsorganisation ab. Es soll 2018 die bisherige Version 10 ersetzen. Gemäß der aktuell vorliegenden Beta-Entwicklungsstufe wird es in der ICD-11 möglich sein, den Verlauf einer Suchterkrankung besser abzubilden. Neben episodischem und dauerndem Gebrauch des Suchtmittels werden auch Rückfall und Remission differenziert aufgeführt (2). Zusätzlich werden natürlich auch weiterhin Screeninginstrumente und Fragebögen zu besonderen Aspekten einzelner Suchtformen wichtig bleiben. Dies gilt insbesondere für die „modernen Süchte“, die es auch in DSM-5 nur in Form des Glücksspiels in das Kapitel Abhängigkeitserkrankungen geschafft haben. Die Internetabhängigkeit steht im Forschungskapitel (3).
    Die beiden größten Herausforderungen bleiben weiterhin die Zuordnung einer differenzierten Diagnostik zum gesamten Spektrum von Befinden und Befunden sowie zu entsprechenden Handlungsanweisungen. Insofern ist es ein spannendes Experiment für die Zukunft, ob z. B. die „gute alte“ Typeneinteilung nach Jellinek (4) eines Tages mit (molekular)biologischen oder psychosozialen Befunden einerseits und Behandlungsangeboten anderseits korreliert werden kann.

    Mit freundlichen Grüßen

    Ihr Prof. Dr. Reinhart Schüppel

    Literatur
    (1) Jorgenson A, Hsiao R, Yen C (2016) Internet Addiction and Other Behavioral Addictions. Child Adolesc Psychiatr Clin N Am 25: 509- 520.
    (2) WHO (2016) http://apps.who.int/classifications/icd11/browse/l-m/en
    (3) Falkai P, Wittchen HU (Hrsg) (2015) Diagnostisches und Statistisches Manual Psychischer Störungen DSM-5. Hogrefe, Göttingen.
    (4) Jellinek E (1969) The Disease Concept of Alcoholism, Hillhouse, New Haven.